9. Ankunft in Cangas … und der Herbststurm

 

Anfang Oktober sind wir bei bestem spätsommerlichen Wetter zum ersten Mal in den Hafen von Cangas eingelaufen. Ohne angemeldet zu sein. Ich hatte mehrmals versucht über Funk das Hafenbüro zu erreichen. Über den VHF-Kanal 9, so wie ich es von den vorherigen spanischen Häfen gewohnt war. Auf Spanisch. Keine Antwort. Irgendwann dann sogar auf Englisch. Keine Antwort. „Ach was solls“, dachte ich, „wir suchen uns einfach selbst einen freien Platz und schauen dann weiter“. Langsam näherten wir uns der Hafeneinfahrt an. Doch plötzlich sahen wir uns einem großen Schiff gegenüber, dass gerade den Hafen verlassen wollte. „Huch! Fahrgastschiff…Berufsschifffahrt“. Wir drehten nach Backbord ab. Kurze Zeit später waren wir wieder auf Kurs. „Warum geht hier auch niemand ans Funkgerät“, dachte ich wieder, nur um im selben Moment in großen Lettern an der Hafenmauer geschrieben zu lesen: „VHF-Kanal 6“. Oh, ich hätte mal aufmerksam im Reeds oder in der Häfen-App lesen sollen. Dort stand überall die gleiche Information: VHF-Kanal 6. Soweit zum Thema, man denkt, man wisse ja schon alles. Die aufmerksame Hafenmeisterin hatte uns bereits gesehen und winkte uns an den ersten Steg heran. Nachdem sie uns beim Anlegen unterstützt hatte, wies sie mich auch gleich freundlich zurecht: „Das nächste Mal bitte vorher über Funk melden.“ „Wird gemacht“, bekam ich etwas kleinlaut heraus. Es sollte ein nächstes Mal geben …

Seit wir Mitte September nach der Biskaya-Überquerung in Galizien angekommen waren, spielten wir mit dem Gedanken an der spanischen oder portugiesischen Küste zu überwintern. Wir tasteten uns langsam an der galizischen Küste entlang, von der Costa da Morte (Todesküste) zur Costa da Vela (Segelküste), von Bucht zu Bucht, in Richtung Süden.

Je südlicher desto milder das Klima und besser das Wetter. Die Bucht von Vigo war die letzte galizische Bucht vor der portugiesischen Grenze. Dort wusste ich bereits: wenn wir überwintern, dann in Spanien. Galizien hatte es mir mehr von angetan. Portugal konnte warten. Außerdem hatten wir inzwischen herausgefunden, dass Galizien, was die Liegegebühren in den Häfen betrifft, weitaus günstiger sein sollte als Portugal. Hinzu kommt, dass wir beide fließend Spanisch sprechen. Alex, weil es ihre Muttersprache ist und ich, nun ja … weil es für mich über die letzten 20 Jahre wie zu meiner zweiten Sprache geworden ist.

Von Cangas aus erkundeten wir weitere Häfen in der Bucht von Vigo, insgesamt vier. Keiner sollte uns überzeugen. Also, legten wir ein zweites Mal im Hafen von Cangas an, diesmal angemeldet über Funkt, auf VHF-Kanal 6. Gut gemacht. Wieder wurden wir freundlich empfangen.
Die Entscheidung zu bleiben fiel uns nicht schwer. Cangas gefiel uns. Eine Kleinstadt, direkt am Wasser gelegen, mit eigenem Strand, einer schönen Altstadt und kleinen, verwinkelten Gassen, einem breitem kulinarischem Angebot, freundlichen Menschen und auch sonst alles, was man zum Leben braucht. Wir konnten uns gut vorstellen hier eine Zeit zu verbringen.

Inzwischen stand der Herbst vor der Tür und damit auch die Zeit der für Galizien typischen Herbststürme aus Südwest, mit hohen Windgeschwindigkeiten, einer sehr unruhigen See und viel Regen… Der Blick auf die Wetterkarten beunruhigte uns etwas. Es wurde etwas großes angekündigt…
Mitte Oktober ging es los. Es fing an zu regnen, zu regnen und zu regnen … 28 Tage lang durchgehend. Das war irgendwann auch für mich, eine das mitteleuropäische feuchte Herbstwetter gewohnte Pflanze, zu viel. Wo kam bloß dieser ganze Regen her?


Dazu kam der Wind. Eine ausgedehntes Sturmtief fegte über uns hinweg. In Spitzenzeiten konnten wir im Hafen Windgeschwindigkeiten von bis zu 47kn messen. Das entspricht auf der Beaufortskala einer 9 bis 10 und das wiederrum bedeutet Sturm. Auf dem Atlantik, vor der Bucht von Vigo bauten sich bis zu 10m hohe Wellen auf. In die Bucht schafften es noch mindestens 4m hohe Wellen. Der langanhaltende Südwest-Wind hatte zur Folge, dass sich eine hohe und konstante Dünung bilden konnte. Wellen wurden in den Hafen hineingedrückt und diese bekamen wir deutlich zu spüren.
Augusta tanzte, schaukelte, rüttelte und zog an ihren Leinen. Es lag so viel Kraft in der Bewegung. Wir mussten ihr Verstärkung geben. Noch nie zuvor hatten wir ein Boot doppelt oder dreifach vertäuen müssen. Zur Sicherheit, falls eine Leine reißt…und es riss nicht nur eine Leine.


Nach einer durchstürmten und durchgeschaukelten Nacht wurden wir eines frühen Morgens von einem lauten Knall geweckt. Beide saßen wir wie eine Eins in der Koje, etwas desorientiert im ersten Moment, aber wir wussten sofort, hier war etwas passiert, auf, am oder mit dem Boot. Wir sprangen an Deck, so schnell wir konnten. Blick auf die Leinen, Alex Bug, ich Heck. „Bug, Backbord“, hörte ich Alex rufen. Eine Backbord-Festmacherleine, ausgestattet mit einem Ruckdämpfer um die harten Bewegungen etwas abzufedern, hatte den Kräften, denen sie permanent ausgesetzt war nicht mehr standhalten können und war einfach gerissen. Das war uns noch nie passiert. Glücklicherweise hatten wir eine zweite Backbord-Leine angebracht. Diese mussten wir nun anpassen, fester setzen, denn sie war lockerer gespannt als die gerissene.
Augusta bewegte sich wie ein wild gewordenes Pferd von einer Seite zur anderen. Wir mussten unsere Bewegungen an die ihren anpassen und mit ihr gemeinsam arbeiten. Unsere Chance die Leine fester zu ziehen bestand nur in dem Moment, in dem Augusta sich nach Backbord in Richtung Steg bewegte und damit Zug und Spannung aus der Festmacherleine nahm. Nachdem wir kurz ihre Bewegungen studiert hatten, wussten wir, dass uns für die Aktion nicht viel Zeit blieb. Es musste sehr schnell gehen, jeder Handgriff sitzen und dabei auf die eigenen Finger achten. Nach zwei Anläufen schafften wir es, die Leine war fest. Yeah! Obwohl uns der Wind kalt um die Ohren pfiff war uns ordentlich warm geworden.
Nun war klar, wir brauchten neue Festmacher-Leinen. Die alten hatten ausdauernde und auch harte Arbeit geleistet. Leinen, Tauwerk, Tampen, Bänsel, von all dem kann man eigentlich nie genug an Bord haben. Ersatz-Festmacher-Leinen mit Ruckdämpfern gehören seit dieser Sturmerfahrung fest zu unserem Repertoire.

Der erste Herbststurm war durch. Wir sollten jedoch nur eine kurze Verschnaufpause haben. Über dem Atlantik braute sich bereits der nächste zusammen. Und dieser sollte noch heftiger werden. Angesichts dieser Voraussagen entschieden wir für zwei Tage und Nächte das Schiff zu verlassen und uns an Land einzumieten. Eine gute Entscheidung. An Bord hätten wir gelitten. Für Augusta hatten wir das Bestmögliche getan. Jetzt konnten wir nur hoffen, dass sie es heil übersteht.
Die Bilder und Erzählungen, die uns zu dieser Zeit von der Ostsee, insbesondere aus der Kieler Förde und der Schlei erreichten, ließen uns bangen.

Auch der Hafen von Cangas sollte dieser Tage an seine Grenzen gelangen. Die Schwimmsteganlage hatte viel auszuhalten. Und das Wasser stiegt höher als erwartet. An mehreren Tagen kam es jeweils am höchsten Punkt des Hochwassers fast zu einer Überschwemmung.

Wir hatten Glück, Augusta hat es gut überstanden. Aber sie hat ein paar Narben davon getragen. Die Scheuerleiste aus Holz, die sich auf dem Süllrand einmal rund um das Schiff zieht zeugt auch heute noch von der Kraft und Dauer der galizischen Herbststürme. Die Leinen haben gescheuert und gescheuert und gescheuert und tiefe Kerben hinterlassen.

Der Sturm war vorbei … nur der Regen, der dauerte an … insgesamt 28 Tage.

Fortsetzung folgt…

Wir wünschen euch allen einen schönen Jahresausklang und guten Rutsch in 2024.

Viele Grüße, Alex und Jana