8. Spanische Küste – Galizien

 

A Coruna erschien uns wie ein Paradies. Die Stadt, das Essen, das Ambiente, der Hafen mitten in der Stadt. Wir wussten sofort, dass wir hier gerne länger bleiben wollten. Der angekündigte Sturm kam und brachte einige Tage ordentlich Wind und eine hartnäckige Erkältung. An ein Weitersegeln war sowieso erst einmal nicht zu denken. Also erkundeten wir langsam die Stadt. Und wir trafen die deutschen Freunde wieder, mit denen wir von Boulogne sur mer aus gemeinsam segeln wollten. Unterschiedliche Wege durch die Biskaya hatten uns am Nordzipfel Spaniens wieder zusammen geführt.

A Coruna wäre perfekt gewesen, wenn dort nicht der Schwell so brutal in den Hafen stehen würde. Eine permanente Welle, die alles in Bewegung bringt und hält. Sie läuft in den Hafen ein, unter den Booten durch, schlägt am Ende gegen die Hafenmauer und läuft wieder zurück. Hier erlebten wir das erste Mal ein besorgniserregendes Durchgeschaukel in einem Hafen. Augusta knarzte und ächzte in ihren Leinen. Die Ruckdämpfer schafften etwas Erleichterung, aber nicht genug. Auf dem Höhepunkt des Sturms, mitten in der Nacht, riss uns am Heck eine Lippklampe raus, komplett, mit dem Stück Scheuerleiste darunter. Das Geräusch ließ uns beide hochfahren und sofort an Deck springen. Wir litten mit Augusta. Und uns wurde klar, dass wir hier nicht über längere Zeit bleiben konnten.
Immerhin, mir wurde bei dem Geschaukel nicht übel. Ich konnte alles unter Deck machen, auch lesen. Vielleicht werde ich nun doch langsam seefester, hehehe.

Die Biskaya hatten wir hinter uns. „Von jetzt an konnte es ja nur leichter werden“, sagten wir uns beide jeden Tag seitdem wir in Spanien waren. Beim Blick in die Seekarte stutzte ich jedoch etwas…hatte ich den Namen des kommenden Küstenabschnitts richtig gelesen? Richtig verstanden? „Costa de la muerte“ stand da in großen Lettern. „Waaas? Todesküste?“ Konnte eine Küste wirklich so heißen und was sollte das für das Segeln an dieser Küste bedeuten? Und dann sollten wir  noch am „Ende der Welt“ vorbeikommen, das „Cabo Finisterre“ lag auch auf unserem Weg. Uuuhhh, das Abenteuergefühl kam wieder auf…

 

Und eine weitere Sache bereitete uns zunehmend Sorgen: die Orcas. Seit der Biskaya befanden wir uns in einem Bereich, wo verstärkt Orcas unterwegs sind. Wir querten ihren Lebensraum. Das wäre nichts Besonderes, wenn es nicht seit ein paar Jahren immer wieder zu Angriffen von Orcas auf Segelboote gekommen wäre. Zerstörte Ruder, beschädigte Bootsrümpfe…in diesem Jahr wurde wenigstens ein Schiff so stark beschädigt, dass es sank, glücklicherweise ohne Personenschäden. In der Bucht von Muros sollten wir im Hafen von Camarinas das Vereinsschiff eines Lübecker Yacht Clubs, ohne Ruder, an Land stehen sehen. Nach einer Orca-Attacke war es manövrierunfähig geworden und musste von den Seenotrettern abgeschleppt werden.
Kann man vor einem Orca-Kontakt gefeit sein? Nein, nicht wenn man in diesem Revier unterwegs ist, mit einem Segelboot in der Größe von 8 bis 12m. Augusta hat eine Länge von 9,40m. Inzwischen gibt es neben verschiedenen Theorien zum Hintergrund der Angriffe, auch eine Website, die alle Orca-Kontakte dokumentiert und eine Reihe von Empfehlungen, wie man sich bei Kontakt verhalten sollte, u.a. Fahrt aus dem Schiff nehmen, Segel runter, Motor aus, ruhig verhalten, Ruhe bewahren…abwarten und auch hoffen, dass die Tiere das Interesse verlieren bevor es zu größeren Schäden kommt.
Etwas Anspannung schwang von nun an bei jedem Törn mit. Aber wir sollten Glück haben und nicht auf Orcas treffen.

Nach 8 Tagen verließen wir A Coruna um weiter in Richtung Süden zu segeln. Eine große Anzahl Segelboote tat es uns gleich. Alle hatten abwettern und auf diesen günstigen Moment warten müssen. Ohne uns abgesprochen zu haben brachen wir in Flottille auf. Der Sturm war vorüber.
Unser nächstes Ziel an der galizischen Küste war Muxia, ein kleiner Küstenort am Eingang der Ria de Camarinas. 45sm von A Coruna entfernt. Bereits an der Hafenausfahrt erwartete uns wieder eine hohe Dünung, die Nachwirkungen des Sturms. Bei wenig bis gar keinem Wind kämpften sich alle Segelboote unter Motor voran. Egal ob groß oder klein, GFK-Boot oder Stahl, nahe unter Land oder weiter draußen…jedes Boot schaukelte durch die Wellen. Auf einen guten Segelwind konnten wir nicht warten. Bereits am nächsten Tag sollte es wieder stürmisch werden, für wenigstens 5 Tage. Das gehört zum Fahrtensegeln. Es muss Strecke gemacht werden, auch wenn die Wetterbedingungen nicht ideal sind. Nur die atemberaubende felsige Küstenlandschaft entschädigte uns etwas für das Geschaukel unter Dieselgeruch.

Am Nachmittag erreichten wir Muxia. Der Hafen lag gut geschützt vor der Atlantikdünung. Wir waren so froh ruhig zu liegen, ohne Sorgen um Augusta.
Eine Woche sollten wir hier verbringen, erst dann war an eine Weiterfahrt zu denken. Ein weiteres Tief fegte an der Küste entlang, brachte viel Wind und noch viel mehr Welle. Die Todesküste zeigte uns bereits, dass sie wettertechnisch eine Herausforderung sein kann und man sich lieber etwas in Geduld üben sollte. Das taten wir. Zeit dafür hatten wir. Außerdem waren wir bereits verliebt in Galizien und wollten es in Ruhe kennen lernen und in vollen Zügen genießen.

Nach Muxia folgte Muros, in der gleichnamigen Ria de Muros gelegen. Auf dem Weg dahin passierten wir das „Ende der Welt“, das Cabo Finisterre. Wir wussten, dass die Passage schwierig werden und sich hier insbesondere bei Südwinden schwerer Seegang aufbauen kann. Daher wählten wir einen ruhigeren Tag um abzulegen. Die Welle lag dennoch bei 2,5-3m. Die Tage zuvor war sie über 4m hoch gewesen. Nach 3h Fahrt passierten wir, mit der Strömung im Rücken, das Kap. Es lag in Nebel gehüllt und ließ sich nur erahnen. Schade, aber der Moment war dennoch spektakulär, hatte etwas Magisches. „Und jetzt?“, dachten wir, „was erwartet uns nun?“…Kurzzeitig hatten wir überlegt den kleinen Hafen anzulaufen und einen Tag dort zu verbringen. Unter diesen Bedingungen wäre es aber gar nicht möglich gewesen. Oder wir wären am nächsten Tag vielleicht nicht mehr aus dem Hafen raus gekommen. Bei einem plötzlichen Wetterumschwung hätten wir dort fest gesessen, in einem Hafen, der eigentlich kein Hafen für Sportboote ist, sondern ein kleiner Fischereihafen mit einer Kaimauer, an der Sportboote anlegen dürfen. Wind und Welle können das Liegen an der Kaimauer sehr ungemütlich machen, hatten wir gehört. Wir fuhren weiter…und ließen das Kap hinter uns.

Die galizische Küste ist geprägt von Rias, großen Buchten, die sich weit bis in Landesinnere erstrecken.
Ab Muros entschieden wir von nun an kurze Törns zu machen, nicht mehr als 20-25sm am Tag. Langsamer, gemütlicher und flexibler wollten wir unterwegs sein. Nur bei Tageslicht und ohne den Druck einen weit entfernten Hafen zu einer bestimmten Zeit erreichen zu müssen. So konnten wir auch bei wenig Wind mit 2-3kn Fahrt segeln. Endlich. Segeln ist das, was wir wollten, nicht unbedingt Strecke machen. In den Rias ist das möglich, denn hier finden sich fast immer mehrere Häfen in kurzer Distanz zueinander. So erreichten wir Riveiro in der Ria de Arousa. Aber oh we, ein „deja vu“, eine bewegte Steganlage begrüßte uns und wir erlebten wieder eine durchgeschaukelte Nacht. Fast fluchtartig verließen wir bei Tagesanbruch den Hafen. Raus aus der einen Bucht, einmal kurz die Nase auf den Atlantik gestreckt und rein in die nächste Bucht. Nach nur 15sm waren wir in Sanxencho, in der Ria de Pontevedra. Das Wetter meinte es gut mit uns und ermöglichte uns seit langer Zeit einmal wieder nicht nur an einem Strand entlang zu spazieren, sondern auch baden zu gehen. Juhuu.

Anfang Oktober segelten wir in die letzte große galizische Bucht und landeten im Hafen von Cangas an. Das Cangas zu einem temporären Zuhause für uns werden würde, wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Das Wetter sollte sich wieder verschlechtern, Prognosen kündigten eine Reihe von Sturmtiefs an. Wir brauchten einen Ort zum Abwettern. Und wir wollten uns etwas ausruhen. Und überlegen, wie es weiter gehen sollte…
Seid der Biskaya-Überquerung, regte sich insbesondere bei mir, der Gedanke, eventuell nicht jetzt sofort, in diesem Winter…den Atlantik in unserem Segelboot zu überqueren. Fühlte ich mich noch nicht bereit für diesen nächsten großen Schritt? Ich war mir nicht sicher. Aber das ist ein eigenes Kapitel…
Meine Seekrankheit machte mir weiterhin sehr zu schaffen. Vielleicht würde es sich verbessern, wenn wir erst einmal längere Zeit auf dem Wasser sind und auf dem Atlantik mit seinen langgezogenen Wellen segeln können. Bisher mussten wir bei viel Seegang so oft motoren. Der permanente Geruch nach Diesel bei gleichzeitigem Geschaukel bei unruhiger See scheinen eine fatale Mischung für mich zu sein. Andererseits merkte ich zunehmend wie sehr mir das Küstensegeln gefällt. Auf dem Meer unterwegs sein, aber Land zu sehen, an Land gehen zu können und schrittweise eine Region zu erkunden. Das hatte etwas.
Also, wir machen eine Pause. Überwintern in Cangas. Und im kommenden Frühling sehen wir weiter.

Fortsetzung folgt…